Weihnachtskolumne

WizardSE

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Das Fest der Vergessenheit

Der süße Vanille-Zimt-Duft des Weihnachtswaffelstandes auf dem verschneiten Marktplatz zeigt mir tagtäglich aufs Neue auf, dass Weihnachten immer näher rückt. Zwar lässt mich mein Geldbeutel immer in den Zustand des Vorbeilaufens versinken, dennoch kann sich meine Nase nicht gegen die weihnachtlichen Düfte erwehren.

Die weihnachtlichen Düfte… kaum der Versuchung des Weihnachtswaffelstandes entkommen, kann sich meine Nase dem Geruch der Leute widmen, die in Scharen in die Kaufhäuser strömen, um aus herzlichen Absichten und im Sinne der heiligen Weihnacht für ihre Liebsten Geschenke zu besorgen.

Die dicke Frau vor dem C&A mit zwei großen Einkaufstüten, von denen mich das Gesicht des Weihnachtsmannes anlächelt. Jedenfalls versucht es dies, obwohl die leicht geknickte Tüte das Weihnachtsgesicht etwas melancholisch aussehen lässt. Verbergen sich die Werte des Weihnachtsfestes in einer tristen Folientüte? Weihnachten – das christliche Fest der Geburt des Jesus Christus. Wurde Jesus Christus in einer Einkaufstüte geboren? Geschah die Ankündigung dieses Ereignisses in Supermärkten ab Anfang Oktober?

Viele heute bekannte Weihnachtsbräuche haben sich erst im 19. Jahrhundert herausgebildet. Weihnachten gewann auch im Bereich der bürgerlichen, nicht-religiösen Gesellschaft zunehmend an Bedeutung, was besonders im Einklang mit dem übersteigerten Konsumverhalten westlicher Gesellschaften seine Verstärkung fand. Entwickelt sich Weihnachten immer mehr zu einer neuen Form von Totalitarismus, da für viele das Weihnachtsfest mit dem Konsumzwang eng gekoppelt ist? Sind in einhundert Jahren die letzten sozialen Werte des Weihnachtsfestes aufgrund der "konsumistischen" Massenkultur vollkommen eingeebnet? Wir erkaufen die Werte des Weihnachtsfestes zu einem hohen Preis.

Weihnachten ist längst zu einer festen wirtschaftlichen Größe geworden, durch welche die traditionellen Werte kaum noch eine Rolle spielen. Wer finanziell liquide ist, erwartet durch besonders teure Geschenke eine besonders große Freude. Eine singuläre Kausalbeziehung, die für die Verkapitalisierung der Gesellschaft bezeichnend ist. Weihnachtsstress als Prozess der zeitgerechten Erfüllung materieller Erwartungen. Für viele Branchen bedeutet dies die Realisierung von über einem Fünftel des Jahresumsatzes.

Zumindest die Weihnachtsbräuche selbst lassen sich glücklicherweise nicht wirtschaftlich erklären. Diese fest überlieferten Bestandteile des Weihnachtsfestes werden zwar häufig noch visuell in Szene gesetzt, sind jedoch von ihrer eigentlichen Bedeutung leider oftmals schon in Vergessenheit geraten.

Der frierende Weihnachtsmann auf dem Weihnachtsmarkt konnte mir die Bedeutung des Weihnachtsbaumes jedenfalls nicht erklären. Symbolisiert doch der immergrüne Baum das auch im Winter nicht absterbende Leben. Geschmückt mit Kerzen oder Lichterketten, welche die Wiederkehr des Lichtes aufzeigen und die Hoffnungen auf eine hellere Jahreszeit wecken. Der Weihnachtsbaum als Baum des Lebens im Paradies. Heute oftmals assoziiert mit "Die Größeren kosten zwanzig Euro, die Kleinen gehen ab 10 Euro los."

Immerhin konnte ich auf dem immer kälter werdenden Weihnachtsmarkt die Bedeutung des Schwibbbogens herausbekommen. Dieser erzgebirgische, der Öffnung eines Bergwegsstollens nachempfundene und mit Lichtern dekorierte Fensterschmuck war der Ausdruck des Verlangens des Bergmanns nach Licht in den Jahreszeiten mit den kurzen Tagen. So sahen die Bergleute doch in der Winterzeit keine Sonne, da es morgens zum Arbeitsbeginn noch dunkel war und sie abends wiederum im Dunkeln aus dem Bergwerk kamen. Gegen 1740 entstand in Johanngeorgenstadt der erste Lichter-Schwibbbogen aus Metall; wenig später wurden die Bögen durch christliche Symbole ergänzt. Heute werden die Bögen vornehmlich zur Advents- und Weihnachtszeit in die Fenster gestellt und haben weltweit Liebhaber gefunden.

Weihnachten, das heilige christliche Fest der Geburt von Jesus Christus, wichtigstes Fest im abendländischen Europa, in Amerika und Australien – ein konsumorientiertes Fest, geprägt von Unwissen? Wer weiß heute überhaupt, dass das Wort Weihnachten sich von der mittelhochdeutschen Wendung (ze den) wîhen nahten ("(in den) heiligen Nächten"), ableitet und vor rund 835 Jahren erstmals literarisch erwähnt wurde? Warum brennen am vierten Advent eigentlich vier Kerzen? Enden jährlich rund 16 Millionen deutsche Nordmanntannen als Weihnachtsbäume und kaum einer weiß, was jene eigentlich bedeuten? Wird der 1330 erstmals erwähnte deutsche Christstollen aus Unwissen konsumiert, weil er "halt dazu gehört"? Basieren die jährlich in Deutschland benötigten 9000 Tonnen Schokolade für die rund 100 Millionen Schokoladenweihnachtsmänner nur noch auf Absatz, denn auf Wertebezug? Hat der moderne Brauch des Weihnachtsmannes nicht nur den eigentlichen heiligen Bischof Nikolaus von Myra aus dem vierten Jahrhundert verdrängt, sondern auch die weihnachtlichen Werte aus den Köpfen der Menschen?

Da fällt mir ein: Ich muss weiter… brauche noch Weihnachtsgeschenke…

Frohe Weihnachten.
 
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