Neues von Immanuel Kant

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Kant hat den Prozess der Aufklärung als „Befreiung des Individuums aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ definiert und somit auf den Punkt gebracht, warum sich die Aufklärer gegen geltende Prinzipien und Regeln stellten. Die Frage ist natürlich: Wie definiert man Unmündigkeit? Ist Unmündigkeit die Unfähigkeit des Menschen, sich von den Fesseln des Glaubens zu lösen? Ist Unmündigkeit die Unfähigkeit des Menschen, sich gegen die Regeln der Obrigkeit zu stellen? Ist Unmündigkeit die Unfähigkeit des Menschen, sein Hirn zu dem einzusetzen, wozu es eigentlich geschaffen wurde, anstatt es Woche für Woche mit Bier und Fußball Stück für Stück kampfunfähig zu machen? Das schöne an der Unmündigkeit ist, dass sie im Sinne der Aufklärung undefinierbar ist und sich somit hervorragend von der Vergangenheit auf die Gegenwart oder Zukunft projizieren lässt. Und diese Gegenwart sieht düster aus – zumindest für die moderne Aufklärung des 21. Jahrhunderts. Denn um die Freiheit des unmündigen Menschen wird es eng. Verdammt eng.

Bleiben wir bei der Minimaldefinition, so ist Unmündigkeit die Unfähigkeit des Menschen, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Wo Kant und andere Aufklärer die religiösen Fesseln im Gedankengut der Menschen sahen und Ratio predigten, stehen heute die Fesseln des Terrorismus und die in dessen Namen durchgeführten tiefen Einschnitte in die Mündigkeit der Bürger – mit anderen Worten in die hart erkämpften Grundrechte, deren Existenz wir mehreren Jahrzehnten Realpolitik sowie Millionen unschuldiger Toter aus zwei Weltkriegen verdanken. Und die Vision der Regierenden ist schon längst keine Vision mehr, sondern expliziter Wunsch und Ziel der regierenden Klasse in diesem Land. Erst kürzlich hat sich Mr. Orwell*, seines Zeichens Mitglied der inneren Partei und als solches mit bestimmten Vollmachtsprivilegien ausgestattet, erneut für eine Gesetzesinitiative zur heimlichen anonymen Fern-Ausspionierung der Proles stark gemacht. Diese sei „lebensnotwendig“, einige ziehen sogar bereits den Vergleich zur Lebensnotwendigkeit der Atemluft (beim besten Willen, so weit werden wir nicht gehen!).

Im Namen des ewigen Krieges lässt sich ja auch gut regieren – so lange die Proles unmündig gehalten werden, ist auch keine Gefahr vom eigentlichen Souverän des Landes zu erwarten. Und dieser lässt den immer gleichen, nach Schema F ablaufenden und mit jedem weiteren Schritt die Freiheit des Einzelnen millimeterweise einschränkenden Prozess fröhlich über sich ergehen. Ist doch im Namen der Sicherheit, da muss man schließlich bereit sein, Opfer hinzunehmen. Hätten die Leute doch mal lieber in der Schule besser aufgepasst und auf Dwight D. Eisenhower, seines Zeichens US-General im 2. Weltkrieg und anschließend für zwei Legislaturperioden Präsident der USA, gehört. Denn der sagte bereits in den 1950er Jahren: The problem in defense is how far you can go without destroying from within what you are trying to defend from without.

Es wird höchste Zeit für einen erneuten Prozess der Aufklärung. Der Mensch gleitet in seine Unmündigkeit zurück, ohne dass es ihm scheinbar etwas ausmacht. Im übrigen wurden kürzlich massive Rotationsbewegungen aus Immanuel Kants Grab vernommen.

* Name aus Befürchtungen vor Folgen "ex post facto" von der Redaktion geändert


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