Abenteuer Straßenbahn

WizardSE

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Allmorgendliche Routine. Der Wecker klingelt. Ungefähr zehn Minuten lang. Dann rasch aus dem Bett gehüpft. Cappuccino. Bad. Kein Frühstück. Schnell noch einen Blick in die Süddeutsche geworfen. Natürlich online. Habe kein Abo. Die Zeit, frühmorgens bis zum Briefkasten zu laufen, habe ich nicht. Dafür klingelt mein Wecker zu spät. Und zu lang.

Raus in die freie Welt. Deutschland ich komme. Viertel nach zehn beginnt die Vorlesung. Schier unchristliche Zeiten. Hab noch drei Minuten bis zur Straßenbahn. Wenn ich renne, schaffe ich es. Ich renne.

Elf Minuten Fahrt warten auf mich. Mit der Straßenbahn – Tram, wie der geneigte Amerikaner sagen würde. Überall Englisch im Alltag. Nicht jedoch in der Tram. Dort herrschen deutsche Zustände. Das wird schon beim Einsteigen deutlich. Keine freundlichen Gesichter. Nein, schier in regungslosen Zuständen verharrende Personen. Wer sich bewegt, hat verloren. Nur die Augen werden gerollt, nach dem neuen Mitfahrer. Schließlich ist das der interessante Faktor des Morgens. Neben der Zeitung.

Ich setze mich an meinen Stammplatz. Routine oder Gewohnheit? Beides. Zudem steht der fast immer leer. Und das ist auch gut so.

Schließende Türen. Wegklappende Spiegel. Abfahrt. Wie jeden Morgen versuchen Menschen die gerade losgefahrene Straßenbahn noch rechtzeitig zu erwischen. Ob sie stoppt, ist fraglich. Indikator für die Gemütslage des Fahrers.

Gut. Wir fahren. Bedächtige Stille. Nur selten kommt es vor, dass sich einige, zumeist weibliche, Medizinstudentinnen, über die tollsten neuen Erkenntnisse in ihrem Studium unterhalten müssen. Plaudern über Luftröhre, Lunge und Magen. Natürlich nur über Krankheiten. Da weiß man schließlich, wovon man redet. Jedenfalls habe ich bei einigen diesen Eindruck. Besonders wenn es um neurologische Erscheinungen geht. Leider ist es nicht möglich, sich solchen Unterhaltungen zu entziehen. Höchstens durch einen mp3-Player. Wie der Freak zwei Wagen weiter hinten. Glaube er hört Eminem. Kann fast schon mitsingen. Oder rappen.

Die Hälfte der Fahrtstrecke ist geschafft. Denke nach. Liebe, Freundschaft, Gesundheit, Universität. Alles in 3 Minuten. Bis die freundliche Dame einsteigt. Natürlich besteht sie auf ihren Platz, schließlich ist sie ja schon über 60. Sieht aus wie 90. Kommunikativ erinnert mich ihre grelle, auf Dominanz ihrer Mitmenschen gegenüber ausgerichtete Stimmlage an Krieg. Propaganda. Meine Mitfahrer sichtlich auch. Freiwillig macht die junge Studentin mit den Ökotretern und bunten Fäden im Haar Platz. Studiert sicher Volkskunde. Oder Slawistik. Oder so. Zum Glück gibt es sie. Jedenfalls in solchen Situationen. Aufstehen wäre für mich gefährlich geworden. Hatte ja kein Frühstück.

Bahnhof. Vorletzte Station vor der Innenstadt. Beobachte Bierhalter. Menschen, die es schaffen, gegen zehn Uhr morgens schon mit einem Pils am Rande des Fußwegs zu stehen. Wann schlafen die ihren Rausch vom Vortag aus? Traurig.

Der Straßenbahnfahrer hat heute einen guten Tag. Soziale Ader. Wartet, weil eine hübsche junge Frau mit olympischem Schritt versucht, die Straßenbahn noch zu erreichen. Schafft es natürlich. Haben sich die 30 Minuten im Bad für sie gelohnt.

Ruckartig setzt sich die Tram in Bewegung. Auf zum nächsten Stopp. Innenstadt. Endlich. Die dominante 60(90)jährige steht schon ungefähr seit zwei Stationen an der Tür. Tasche in der Hand, Blick entschlossen. Will beim Aussteigen die Erste sein. Nicht überrannt werden. Ihr Platz steht seit genau diesen zwei Stationen leer. Traut sich keiner hinzusetzen. Könnte ja sein, die Dame will noch mal Platz nehmen. Denke wieder an Weltkrieg.

Innenstadt. Starre, weiße Gesichter drängen aus der Bahn. Einfach nur raus. Viele draußen scheinen nicht zu wissen, dass der Fahrer auch noch verweilt, bis die Wartenden einsteigen.

Jetzt auf zur Uni. Die Bahn fährt weiter. Das Leben auch.

 
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