Biedermeier 2.0

mj

Technische Administration, Dinosaurier, ,
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Leipzig, 4. September 1989. In seinem Blog nikolaikirche.blogspot.com veröffentlicht Bürger A. ein Banner, welches Reisefreiheit für die Mitbürger fordert. Anschließend kehrt er in seinen Fernsehsessel zurück und schaut Nachrichten. Eine Woche später schaut A. in sein Blog und stutzt: er hat hunderte von Reaktionen bekommen, Menschen unterstützen ihn in seinem Vorhaben. Nach nur einer Woche haben bereits einige hundert private Blogs das Banner veröffentlicht. Nur wenige Wochen später sind es bereits tausende. Es scheint, als würde die Initiative von Bürger A. unaufhaltbar sein, als würde ein entscheidend großer Anteil der Bevölkerung dahinter stehen und sein Anliegen unterstützen.

Leipzig, 4. September 1989. Bürger Z. stellt sich mit Transparent auf die Straße vor der Nikolaikirche und fordert Reisefreiheit. Er ist nicht allein, er hat Unterstützer. Die Woche darauf sind es mehrere hundert, die durch die Straßen ziehen und für ihr Recht kämpfen. Schnell finden sich zehntausende Menschen auf den Straßen wieder. Sie verwirklichen ihre Sicherheit und sich selbst auf der Straße. Sie werden was sie fordern, sie werden eins mit ihren Bedürfnissen und Wünschen. Bürger Z. wird verhaftet, geschlagen, misshandelt - Bürger A. verfolgt es im Fernsehen. Aber Bürger Z. fühlt sich im Recht, er oder sie ist bereit für die Selbstverwirklichung zu kämpfen.

Bürger A. lebt, wie viele moderne Menschen, in zwei Welten. Die Menschen haben den klassischen Dualismus, die Aufspaltung in Subjekt und Objekt, wieder hergestellt und verkörpern ihn durch eine Aufspaltung des Ego in zwei voneinander unabhängige Sphären. Einmal als steuerzahlendes Subjekt einer Gesellschaft, die den Einzelnen objektiviert als einen von vielen, dessen Stimme im Gefasel der Millionen untergeht, als jemanden, der bei Wahlen die Stimmabgabe verweigert, „weil es doch ohnehin nichts bringt“. Und einmal als virtueller Selbstdarsteller, der sich selbst subjektiviert, der sein oder ihr in der Realität nicht befriedigtes Ego virtuell auslebt und sich selbst in einer Art Seelenstrip dem virtuellen Diskurs der Massen preisgibt. Eine Art Staat im Staat, eine dualistische Gesellschaft, deren Sphären jedoch in sich geschlossen bleiben. Der Akt der Flucht in die virtuelle Sphäre schließt eine Reintegration der selbigen in die reale Sphäre zwar nicht kategorisch aus, das Durchbrechen des Dualismus fordert jedoch das Schlagen einer Brücke zwischen den Welten, fordert das Ablegen des Subjekt-Objekt Dualismus und somit entweder die vollständige Subjektivierung des Ego, oder dessen totale Objektivierung. Akzeptanz des Dualismus schließt reale Aktion aus – Aktion und Reaktion verkehren sich und transformieren zu Aktion und Aktion, ohne erkennbare Zusammenhänge und Kausalketten, scheinbar willkürlich. Realitätsverlust in der Virtualität ist die unvermeidbare Folge der subjektivierten Hingabe. Und gerade weil sie die elementaren Grundbedürfnisse des sozialfähigen Lebewesens Mensch zu befriedigen vermag, erscheint die virtuelle Sphäre so verlockend, so magisch, so einfach zu durchdringen. Die Spitze der Maslowschen Bedürfnispyramide ist erreicht, der Mensch hat körperliche Bedürfnisse, Sicherheit und soziale Beziehungen durchlebt und strebt nun nach sozialer Anerkennung und Selbstverwirklichung. Die Flucht ins Virtuelle macht das Erreichen der letzten beiden Stufen der Maslowschen Bedürfnispyramide so einfach wie nie zuvor. Die Spitze der realen Pyramide bilden die sozialen Beziehungen, die Basis der virtuellen Pyramide ist die soziale Akzeptanz – und die Grenze verschwimmt mit jeder weiteren virtuellen Selbstverwirklichung.

Bürger Z. hat sich der totalen Subjektivierung seines Ichs hingegeben und dadurch erreicht, was er oder sie erreichen wollte. Die politischen Führung des Landes hat unter den Forderungen der Massen nachgegeben, das Subjekt Z. wird fortan zum Objekt seiner Tat, zum Pathos seiner Selbstverwirklichung. Bürger A. ist fest davon überzeugt, dass er oder sie erreicht hat, was er oder sie erreichen wollte. Bürger A. fühlt sich im Recht, durchlebt den Realitätsverlust der Virtualisierung seiner Selbstverwirklichung. Bürger A. versucht sich als virtueller Urheber der realen Tat zu personifizieren und verliert durch das Überschreiten der Grenze zwischen virtueller und realer Sphäre seinen virtuellen Einfluss. Bürger Z. lebt durch das Pathos seiner Selbstverwirklichung als anonymes Objekt der Gesellschaft, dessen integraler Bestandteil er oder sie geworden ist, fort.

Welcher Zustand ist erstrebenswerter?

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