Netzteile: Die beliebtesten Leistungsklassen

soulpain

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Neue ATX-Netzteile strömen kontinuierlich auf den Markt und die häufigste Anmerkung der Leser ist eine Beschwerde über den zu hohen Leistungsbereich der Modelle. Oft starten die Baureihen nämlich erst ab einem halben KW, während Benutzer sparsamer Rechner auf der Strecke bleiben. Doch was steckt dahinter, wenn Hersteller auf diese Weise handeln? Eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Leistung von Martin Kaffei.

Zu Messen wie der kürzlich erst beendeten Computex kommen neue Serien in Inflations-ähnlichen Intervallen auf den Markt. Es ist naheliegend, dass sich jeder Hersteller dort mit seiner Spitzenklasse beweisen und geschickt positionieren möchte. Dazu zählen vor allem die Produkte mit 500 Watt und aufwärts. Doch warum dieser hohe Startbereich? Genau diesem Thema habe ich mich einige Zeit gewidmet und möchte knapp zusammenfassen, was die Beweggründe der Hersteller sind. Hinzu kommt eine interessante Verkaufsstatistik.

Wie bereits erwähnt, kann der Hersteller mit einem High-End Modell sein Können beweisen! Wer auch die stärkste SLI- oder CrossFire Konfiguration stabil versorgt, unempfindlich gegen schnelle Lastwechsel und Overclocking ist, oder aber die teuerste Technik bietet, suggeriert Qualität für das gesamte Portfolio. Der zuletzt genannte Punkt ist theoretisch auch mit weniger Leistung zu realisieren, häufig aber nicht finanzierbar. PC-Netzteile über 1000W sind zudem zwar Prestige-Objekte, doch auch dort gibt es Zielgruppen und Abnehmer. Auch wenn sie in eher geringer Menge (1,6%) abgesetzt werden, ist nicht zuletzt deren Gewinnspanne entscheidend. Das bestätigt uns der CMO von Enermax mit der Aussage „Auch wenn der Preisdruck hier zunimmt, ist die Marge bedeutend höher. Dazu kommt der Imageaspekt.“ Nicht ganz unwichtig sei dabei, dass 1000W-Netzteile bereits in vielen Mittelklasserechnern verbaut werden, da teils Fehlinformationen zum tatsächlichen Bedarf bestehen. Doch auch im Hinblick auf bewusst gewählte Reserven und je nach Innovationsgrad der Modelle verkaufen sich größere Netzteile sehr gut. Das hat sich insbesondere bei den 80Plus Gold Fabrikaten gezeigt, bei denen Benutzer in Foren etwa zum Seasonic X-650 gegriffen haben, obwohl 400W bereits ausreichend gewesen wären. Hier können die Hersteller noch Kundengruppierungen erreichen, welche ursprünglich gar nicht eingeplant waren und im Prinzip kein neues Produkt benötigen. Ein gutes Image führt zum Erfolg wie auch zu einem künstlichen Bedarfsgefühl als Folge.

Ein hoher Konsum der Netzteile im oberen Mittelfeld (500-699W: 48%) ist aber auch technisch zu begründen. Der Kunde greift nicht zum völlig überdimensionierten Netzteil, wohl aber zu einer Leistung über dem realen Bedarf seines PCs. Eine geringere Geräuschenwicklung, die Effizienzspitze bei etwa 50% Beanspruchung und geringere Restwelligkeiten bei kleinen Lasten sind das Resultat dieser Wahl. Die Frage ist immer nur, wie viele Puffer berechnet werden. In dem Punkt sind die Amerikaner sicherlich noch großzügiger als wir. Wir möchten zwar an die Vernunft appellieren, bedarfsorientiert einzukaufen, im Zweifel ist zu wenig Watt aber schädlicher als zu viel. Über die Höhe der Reserven lässt sich also streiten, prinzipiell sind sie jedoch nachvollziehbar.

Damit wäre die Frage geklärt, warum sich große Netzteile zum Verkauf anbieten. Warum der Wunsch nach 300W Netzteilen oder weniger Leistung hingegen seltener erfüllt wird, betrachten wir nun. Wenn wir davon ausgehen, dass dieselbe oder ähnliche Plattform für ein 500W, aber auch ein 700W Netzteil verwendet wird, ist das größere Modell bei kaum höheren Kosten deutlich gewinnbringender abzusetzen. Durch Produktion, Personal, Steuern, Fabriken (Produktionsstraßen) und Personal bedingt wächst ein festes Maß an Kosten an – die Fixkosten. Wenn wir ein vorhandenes Design mit größeren Bauteilen bestücken, äußert sich das dafür nur schwach im Gesamtbild. Die variablen Kosten steigen kaum. Da viele Benutzer das Preis/Leistungsverhältnis darüber hinaus oft anhand der Nennleistung festmachen, lässt sich durch eine einfache Steigung der Leistungsfähigkeit ein hoher Preis festsetzen. In umgekehrter Richtung sind die grundlegenden Kosten derart hoch, dass der Hersteller bei 300W an eine bedenkliche Preisschwelle herannaht. Wie ein Hersteller angab, ist es vor allem als kleine Marke schwierig, gegen Großhersteller anzukommen, die das Angebot Mengenmäßig drücken, indem sie günstiger produzieren können. Und wer viel verkauft, erreicht den break-even-point natürlich eher als mit wenigen Produkten hoher Qualität – zumindest in diesem Segment.

In diesem Kontext muss beachtet werden, dass verschiedene Interessengruppen zusammen kommen und Communities ein nicht repräsentatives Meinungsbild aufweisen. Doch selbst wenn ein Anbieter die Nische an Retail-Netzteilen für Multimediarechner abdecken möchte, kommen zusätzliche Kosten wie die Verpackung (ca. 1-2$), Lackierung und Zubehör (jeweils ca. 1$) zusammen, die zu den Preisen gängiger OEM-Modelle nicht konkurrenzfähig sind. Zuletzt genannte sind nicht für den Direktverkauf an Endkunden gedacht, wohl aber bei Systemhäusern verfügbar. Dieser Druck zusammen mit geringen Gewinnen ist das Hauptargument gegen ein voll ausgestattetes 300W-Netzteil. Bei geringeren Ansprüchen findet der Käufer sicherlich ein Angebot. Ob die Qualität dann über passive PFC oder 75-80 % Effizienz hinaus geht, ist aber fraglich. Es hat sich früh abgezeichnet, dass 105 °C Kondensatoren wichtig für die Kommunikation qualitativer Aspekte sind, aber auch eine zusätzliche Preissteigerung zur Folge haben. Wenn der Hersteller dann noch jene japanischer Herkunft wählt, werden alleine primärseitig schon mal 5$ fällig. Das ist von Modell zu Modell natürlich etwas unterschiedlich, was die Aussage aber nicht entkräftet, dass ein "High-End" 300W Netzteil mit dieser Grundlage nicht vereinbar ist. Das ist insbesondere der Fall, wenn ein Anbieter eigene (hohe) Standards berücksichtigen will, sie dadurch aber nicht integrieren kann. Immerhin zeigten etwa die be quiet! Pure Power, dass sich an Äußerlichkeiten wie dem Sleeve Geld sparen lässt, ohne Qualitätseinbußen hinnehmen zu müssen, wobei die Differenz zum nackten Leitungsstrang nur ca. 30 Cent beträgt. Auch die Größe der Verpackung erlaubt dezente Kostensenkungen, zumal damit mehr Pakete auf eine Palette passen. Wer clever spart, kann den Schritt wagen, aber auch in diesem Fall wird die Technik nicht ganz den Erwartungen stärkerer Netzteile entsprechen.

Wenn ein Hersteller trotz dessen kleinere Netzteile anbietet, dann vor allem aus Image-Gründen, ähnlich dem Verhalten bei ganz großen Geräten. Einige verkaufen es hingegen über Wert, um überhaupt noch etwas zu verdienen, andere lassen es gleich bleiben. Viele Konzepte im Brainstorming scheitern schon an den ersten Hürden; der Wille ist prinzipiell vorhanden. Ein kleines Sortiment hat es dennoch an den Markt geschafft. Da gibt es die günstigsten Produkte ganz ohne Sleeve und 350W Modelle mit teuren Lüftern, die dann aber deutlich über 40€ liegen. Insbesondere, da die Preise nach der Euroschwäche massiv angestiegen sind. Immerhin kommt eine verstärkte Präsenz an TFX- und SFX-Netzteilen hinzu, welche trotzdem noch eine Seltenheit sind. Das gleiche gilt für ungewöhnlich anmutende Kühlkonzepte semi-passiver Natur.

Was ich deshalb provozieren möchte, ist die Frage nach der Individualität. Ist es nicht besser, kleine Randgruppen zu bedienen, als im Einheitsbrei gesättigter Märkte zu versinken? Wer seine Produkte so aufstellt, dass sie in geringen Mengen jeweils eine Zielgruppe abdecken, ist das in der Situation vielleicht sogar sinnvoller als ein potenziell größeres Kundenfeld, dass sich problemlos anderweitig orientieren kann. Dort entscheiden das Image und bisherige Erfahrungen über einen Kauf. Daher ist die Vorstellung, mit einem Gerät möglichst viele Ansprüche zu erfüllen, altertümlich geworden und resultiert im kleinsten gemeinsame Nenner: Dem schwarzen Netzteil mit Kabelmanagement und 80Plus Bronze. Ein Risiko durch Polarisierung besteht zwar immer, birgt aber auch große Chancen auf einen wirklich gefestigten Stammkundenkreis. Wenn die größte Skurrilität schon darin besteht, die Farbe orange zu wählen, zeigt das hingegen Mutlosigkeit im Gesamtbild des Marktes. Es ist schade, dass Exoten nur im Tierreich unter Artenschutz stehen und das Wagnis hier finanzieller Herkunft ist. Das sind in diesem Zusammenhang persönliche Ansichten, die zum Widerspruch anregen, meiner Meinung nach aber den Misserfolg vieler Neueinsteiger ohne frisches Konzept begründen. Der erste mit dem Willen, in der aktuellen Situation etwas ungewöhnliches anzubieten, wird ohne Zweifel viel Aufmerksamkeit erregen. Hier muss man mehr als nur kaufmännisches Geschick beweisen und die Möglichkeiten der Imageverbesserung berücksichtigen.

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Verteilung der ATX-Leistungsklassen im Verkauf; Über 1000W: 1,6%; Quelle: Alternate
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Im Einklang mit der Frage nach Gründen der Popularität haben wir hier auf eine Verkaufsstatistik von Alternate zurückgegriffen, welche durchaus repräsentativ ist. Andere Fachhändler und die Einschätzungen der Hersteller stimmen zum Großteil mit diesen Prozentwerten überein. Dennoch sind diese Angaben nur auf Deutschland zu beziehen, das „Niedrigwattland“, wie ein Diskussionspartner passend sagte und den weltweiten Anteil der 1000W+ Produkte auf 4-5% einschätzte. Ein anderer gab an, dass seine "50 Stück [an 1KW+ Netzteilen] im Lager" national für den kommenden Monat ausreichen. Wesentlich größer ist der Anteil im Ausland jedoch auch nicht.

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Zusammenfassend kann ich sagen, dass selten Bosheit im Spiel ist, wenn sich Hersteller kleineren Netzteile verweigern. Dass sich 300W Netzteile kaum lohnen, ist schon durch die Gewinnbeteiligung der Händler gegeben und mit Marketingkosten verbunden. Mir selbst sind Preislisten und Kostentabellen etwa von FSP bekannt, wo zur jeweils nächst höheren Wattklasse der Serie nur 5$ Differenz bestehen (ähnliches gilt übrigens auch für den Schritt von 80Plus Standard auf Bronze), der Verkaufspreis aber deutlich höher liegt. Die Behauptung, größere Netzteile unwesentlich teurer fertigen zu können, ist daher nicht weit hergeholt. Je nachdem, wie viel höher der Preis ist, kann von Fairness oder Täuschung gesprochen werden. Dass ein Unternehmen am Produkt etwas verdienen möchte, kann grundsätzlich aber kein Vorwurf sein. Eine Mindestmarge muss erfüllt werden, um das Überleben zu sichern. Da sich Preise zudem durch das gängige Niveau im gesättigten Käufermarkt bilden, sind viele „natürliche“ Aspekte für ein großes Netzteil gegeben, ohne dass der Hersteller Einfluss darauf nimmt. Der Kommentar soll keinesfalls für alle Handlungen am Markt eine Rechtfertigung sein, da es sicherlich schwarze Schafe gibt. Schließlich lassen sich sonst nirgendwo derart lukrative Abänderungen vornehmen, ohne dass es der Kunde unmittelbar bemerkt. Im Prinzip ist es auch wichtiger, auf Kompatibilität zum Schaltkreis zu achten, denn auf Qualität und Langlebigkeit über den Rahmen der Nutzungsdauer hinaus. Es ist elementar zu verstehen, warum Hersteller in einem Leistungsbereich so handeln, wie sie handeln.

Wie die Statistik gezeigt hat, ist die hohe Frequenz an starken Netzteilen aber kein Beweis dafür, dass Netzteile über 1000W mehr potenzielle Käufer finden. Eine neue Pressemitteilung weckt das Interesse und der Hersteller kann selbstverherrlichend „beweisen“, was seine besten Netzteile leisten. Auch das ist sicherlich ein Grund, warum der Eindruck entsteht, dass starke Netzteile die Überhand gewinnen, während die kleinen Einsteigermodelle kaum kommuniziert werden. Dass hat sich unter anderem bei einem 330W Netzteil von Seventeam gezeigt, welches kurz nach Einführung eingestellt und von der Presse kaum in Kenntnis genommen wurde. Ungeachtet dessen steigt der Bedarf an Leistung tendenziell durch Mehrkernprozessoren und neuere High-End Grafikkarten. Während dessen steigt aber auch die Beliebtheit kompakter Wohnzimmer-Rechner an, Green-IT und Stromsparen tun ihr übriges. Tatsächlich sind Verschiebungen in Richtung der Randgebiete erkennbar.

Tatsächlicher Kaufwille und eine Bereitschaft für hohe Preise vorausgesetzt, sind noch Chancen für kleine Netzteile gegeben. Technik, die in der Oberklasse eingeführt wird, lässt sich irgendwann günstig auf kleinere Modelle runterbrechen. Effizientere Netzteile sind beispielsweise nur eine Frage der Zeit. Dass temperaturresistente und besonders hochwertig bestückte Geräte dabei herauskommen, sollte jedoch nicht im Erwartungshorizont liegen. Es sei denn, ein Trend entwickelt sich ähnlich der 80Plus-Begeisterung. Das Käuferfeedback ist demnach ein nicht zu unterschätzendes Element. Manchmal geht es eben doch um mehr als nackte Zahlen.

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