He's dead, Jim.

mj

Technische Administration, Dinosaurier, ,
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Nur wenige Institutionen überdauern die Jahrhunderte. Das Rechtsstaatsprinzip der Demokratie zum Beispiel. Oder das Internationale Rote Kreuz. Oder der Merkantilismus und sein, aus heutiger Sicht und mangels Alternative, besserer Nachfolger, der Kapitalismus. Auch die Presse darf man in diesem Zusammenhang nicht vergessen, sorgt sie doch spätestens seit Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert und insbesondere in ihrer späteren Kombination mit dem Printkapitalismus (bevor ein aufmerksamer Leser oder eine aufmerksame Leserin die Frage stellt: Printmerkantilismus hätte es aufgrund der Struktur des Merkantilismus nicht geben können) für Unterhaltung, Information und Bildung. Die von Edmund Burke, dem Vater des europäischen Konservatismus, in den Nachwehen der französischen Revolution betitelte „vierte Gewalt“ gehört seit ehedem zu den aus dem europäischen Kontext nicht wegzudenken Institutionen.

Bis heute.

Denn was Jahrhunderte der Repression, der Einschnitte in die Pressefreiheit der vierten Gewalt und des Gefechts der da unten gegen die da oben nicht geschafft haben, das hat eine neue Institution in nur zwei Jahrzehnten vollbracht. Das Internet, ebenso ambivalent wie die Presse selbst, Fluch und Segen zugleich. Das große Sterben der Printmedien ist eingeläutet und schreitet scheinbar unaufhaltsam voran. Die Friedrich-Ebert-Stiftung stellte bereits vor fünf Jahren in einer detaillierten Analyse fest, dass das große Sterben der Tageszeitungen immer deutlicher wird. Vor allem junge Leser informieren sich lieber kostenlos im Internet, als das verstaubte Medium Zeitung oder Zeitschrift käuflich zu erwerben und sachlichen und fachlich einwandfreien Journalismus zu konsumieren. Auf der Kehrseite der Medaille entstand dank des Internets jedoch auch eine völlig neue Form des Printmediums. Genauer gesagt entstand diese Form nicht erst dank dem Internet, aber sie fand aufgrund der dafür nötigen Anschaffungen reißenden Absatz.

Nun klingt es natürlich übertrieben und überheblich zugleich, wenn eine Computerzeitschrift der vierten Gewalt im Staate zugeordnet wird. Genauso zweifelhaft scheint diese Zuordnung jedoch bei so manchem sich selbst als Zeitung bezeichnenden Schmierblatt der Moderne. Die "vierte Gewalt" drückt den Willen des Volkes aus, sie repräsentiert die öffentliche Meinung und das öffentliche Interesse. Aus dieser Sichtweise abstrahierend hat also eine Computerzeitschrift ebenso ihre Zuordnungsberechtigung zur vierten Gewalt, wie dies bei einem meinungsmanipulierenden Massenblatt der Fall ist. Das Volk spricht und entscheidet.

Und das Volk hat gesprochen, die Mächte verschieben sich – die Revolution frisst ihre eigenen Kinder. Nachdem mit Ziff-Davis im März diesen Jahres bereits eines der auflagenstärksten Verlagshäuser der USA, zu dem unter anderem mit der PC Professional eine der größten Computerzeitschriften der Welt gehört, Konkurs nach Chapter 11 angemeldet hat, trifft es nun auch einen Zögling des Internets, der diesem nicht nur seine weite Verbreitung, sondern sein gesamtes Dasein schuldet. Das Linux-Magazin stellt zum 01.07.2008 seine Printausgabe in den USA ein und erscheint fortan nur noch als sogenanntes E-Zine, als elektronische Zeitschrift. Der geneigte Leser mag nun denken: Na und? Ist doch beides drüben, auf der anderen Seite des großen Teichs – was interessiert mich das? Die Tragik ist nicht der Tod eines Verlagshauses oder eines Magazins, sondern vielmehr der unverkennbare Trend der sich schon lange ankündigenden Massenbewegung weg vom gedruckten, hin zum elektronisch dargestellten Wort. Denn auch unsere inländischen Computerzeitschriften, sowohl renommierte als auch solche mit den vier bekanntesten Buchstaben der Republik im Titel, haben mit massiv sinkenden Absatzzahlen zu kämpfen.

Die Ironie des Schicksals will es, dass dieser Text ausgerechnet im Internet erscheint. Ein Schelm, wer dabei böses denkt. Aus unserer Sicht stellt der Tod des Printmediums „Computerzeitschrift“ nicht zwingend einen Nachteil dar – sehen wir doch in jedem am Printufer verlorenen Leser ein potenziell neues Mitglied des wachsenden anderen Online-Ufers. Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ist diese Verschiebung der Meinungsmacht jedoch gefährlich, denn so demokratisch, offen und mächtig das Internet auch ist, es stellt bildungs- und informationstechnisch eine Gefahr dar. Jüngste Ereignisse an der Front der Beeinflussung der Presse (eine Tradition, die vermutlich genauso alt ist wie die institutionalisierte Presse selbst) können von einer klassischen frei agierenden Printredaktion problemlos verarbeitet werden. Aber wer garantiert für Objektivität, wenn die Kontrollinstanz für Lars, 15 Jahre alt und Betreiber einer Webseite zum Thema Computer, die Entscheidung eines Herstellers ist, ob das Testsample nach Testende beim Tester verbleiben darf oder nicht? Wer deckt Subjektivität auf, wenn zeit- und kostenintensive Recherche nichts mehr zählt und Geschichten hier wie dort kopiert und übernommen werden? Wenn alles umsonst sein muss, am besten noch ohne Werbung präsentiert und nach journalistisch einwandfreien Methoden recherchiert und konzipiert?

Der Tod des Printmediums ist also weniger seiner äußerlichen Form geschuldet, auch wenn dies auf den ersten Blick so scheinen mag, sondern vielmehr seiner marktorientierten Ausrichtung. Denn der Leserschwund am Printufer bedeutet nicht automatisch Zuwachs am ebenso marktorientierten Onlineufer, sondern gerade aufgrund der Orientierung ebendort einen ähnlichen Schwund. Wo sich früher noch die Freiwilligen darum gerissen hätten an einem Onlineprojekt mitzuarbeiten, steht heutzutage eher der Konsum des Ergebnisses denn die Mitarbeit daran im Vordergrund. Auch (Verlags-) freie seriöse Onlinemedien haben mit entsprechenden Problemen zu kämpfen, denn kostenpflichtige Angebote sind im Internet bekanntermaßen dem schmerzhaften und schnellen Untergang geweiht.

Wenn das (IT-) Volk über das Wohlergehen der vierten (IT-) Gewalt entscheidet und das Verhältnis unaufhaltsam in Richtung StudiVZ, Tonis-Tweaker-Modz, Twitter, Julias-Geiler-Blog und ähnlichen journalistisch zweifelhaften Konzeptionen der Moderne (2.0) ohne jegliche Kontrollinstanz (1.0) verschiebt, dann stirbt eine der wichtigsten (IT-) Institutionen ebenso unaufhaltsam aus. An die Stelle der alten vierten Gewalt tritt die neue "vierte Gewalt", demokratischer organisiert und somit theoretisch als Sprachrohr der Massen besser geeignet als ihr elitär und streng hierarchisch organisierter Vorgänger, jedoch gerade deshalb zur institutionalisierten Bedeutungslosigkeit verdammt.

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